©  ZEIT Wissen 03/2006

Aus schwierigen Verhältnissen

Carl Djerassi arbeitet an der Trennung von Sex und Fortpflanzung. Als "Vater der Antibabypille" läutete er in den 60er Jahren die sexuelle Revolution ein. Heute greift er als Schriftsteller die ethischen Probleme und die neuen Tabus der modernen Reproduktionsmedizin auf.

Carl Djerassi überall: Der Forscher und Autor vertritt die These, dass Sex und Fortpflanzung getrennt sein werden - mit oft skurrilen Folgen. Sagen Sie uns dazu Ihre Meinung.

»PRISCILLA (eine streng gläubige Christin): Ich hab ... nachgedacht.

CAMERON (ihr Ehemann): Nachgedacht? Über was?

PRISCILLA: Über Ehebruch. (Zögert.) Ich hab daran gedacht, Ehebruch zu begehen.

CAMERON (erstaunt): Du meine Güte! ... Mit jemand Bestimmtem?

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PRISCILLA: Nein, natürlich nicht.

CAMERON: Du hast also bloß daran gedacht, aber nichts unternommen?

PRISCILLA: Cameron!

CAMERON: Ich frag ja nur, damit ich das auch richtig kapiere.

PRISCILLA: Richtig ist ja wohl, dass wir kein Baby haben!

CAMERON: Ich ... ich tu ja, was ich kann.«

Dieser Dialog stammt aus meinem letzten Theaterstück, Tabus. Beachten Sie, dass ich im Titel den Plural verwendet habe: Thema ist nicht das einzelne Tabu Ehebruch - überstrapaziert in Dramen und alltäglich in der Geschichte -, sondern die viel komplexeren Tabus aus der jüngeren Vergangenheit, die in Verbindung mit nichtkoitaler Fortpflanzung entstanden sind.

Vor knapp zehn Jahren wurde ich vom Chemiker zum Dramatiker, weil seit Beginn der Aufklärung der Dialog aus dem schriftlichen Diskurs zwischen Wissenschaftlern faktisch verschwunden ist. Doch gerade der Dialog macht den Diskurs menschlich. Und da es eines meiner Ziele als schreibender Exforscher ist, wissenschaftliche Entdeckungen und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft in die Köpfe desinteressierterr oder sogar widerspenstiger Zuschauer zu schmuggeln, habe ich mich beim Schreiben der dialogintensivsten Form von Literatur zugewandt, dem Theater.

Doch um zu erklären, warum ich eine Reihe von Tabus zu meinem aktuellen Thema gemacht habe, muss ich die Uhr um 60 Jahre zurückdrehen, zum Oktober 1945, als ich für die chemische Umwandlung des männlichen Sexualhormons Testosteron in das weibliche Sexualhormon Estradiol meinen Doktor in organischer Chemie bekam. Damals galt diese »Geschlechtsumwandlung« im Labor als beinahe ebenso schwierig wie jene im Operationssaal. Dennoch gab mir der Erfolg dieser Transformation den nötigen chemischen Background, um sechs Jahre später in Mexico City mit einem kleinen Team die erste Synthese eines wirksamen oralen Verhütungsmittels zu erzielen.

Die »Pille« wurde 1960 zur Empfängnisverhütung zugelassen und machte den Geschlechtsverkehr ohne reproduktive Folgen zur bequemen Realität. Kein Wunder, dass in den verbleibenden vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts »Empfängnisverhütung« zum Leitmotiv der menschlichen Fortpflanzung wurde und »Sex aus Liebe, Spaß, Lust oder einfach nur Neugier« zur hedonistischen Realität. Die Pille beseitigte beinahe vollständig die Furcht vor ungewollter Schwangerschaft, die bis dahin die meisten Frauen und einige Männer davon abgehalten hatte, die Tabus um vorehelichen Geschlechtsverkehr, sexuelle Promiskuität und Seitensprung zu brechen.

Doch mein Stück Tabus behandelt nicht solche konventionellen Sittenvrletzungen. Vielmehr geht es mir um die gesellschaftlichen Folgen von In-vitro-Fertilisation (IVF). Mit anderen Worten: »Befruchtung ohne Sex« im Gegensatz zum durch die Pille ermöglichten »Sex ohne Befruchtung« - ein Vorgang, der erstmals 1977 in Großbritannien durch Edwards und Steptoe entwickelt wurde. Mich beschäftigt vor allem eine der jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit IVF: ICSI (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion), erfunden 1991 in Belgien von André C. Van Steirteghem und seinen Kollegen.

»PRISCILLA (nachdem sie erfahren hat, dass sie unfruchtbar ist): Und wie lösen wir mein Problem?

CAMERON: Da müsste uns eine andere Frau helfen.

PRISCILLA: Aber welche Frau macht so was? Ich weiß genau, dass ich das nie für eine andere tun würde ... wenn ich fruchtbar wäre.

CAMERON: Eine großherzige Frau vielleicht schon.

PRISCILLA: Und wo find ich die? Mir wär's viel zu peinlich, jemand zu fragen.

CAMERON: Soll ich's mal versuchen?

PRISCILLA: Im Ernst? (Zögert.) Aber wenn du das machst, will ich nichts über sie erfahren.

CAMERON (überrascht): Willst du denn nicht wissen, wer sie ist? Wie sie aussieht?

PRISCILLA: Ein bisschen was wüsste ich natürlich schon gern über sie: ihr Alter ... Gesundheitszustand ... Familienverhältnisse ... (Zögert.) Und natürlich die Religion.

CAMERON: Religion ist nichts Genetisches. Es geht bloß um ein Ei.

PRISCILLA: Trotzdem ... Mir wäre halt lieber, wenn es ein christliches Ei wäre. Aber ich würde die Spenderin nicht kennen lernen wollen ... oder ein Foto von ihr sehen wollen. Wahrscheinlich ist es so ähnlich wie bei einer Samenbank. Da bekommt man jede Menge Informationen ... genetischer Hintergrund, Hautfarbe, Ausbildung ... sogar die Hobbys und die Lieblingschriftsteller ... solche Sachen halt ... aber kein Foto und keinen Namen.

CAMERON (erstaunt): Prissy! Du bist doch nicht womöglich zu einer Samenbank gegangen, oder?

PRISCILLA: Ich bin nicht zu einer Samenbank gegangen. Ich hab mir ein paar angeschaut ... im Internet. Du würdest dich wundern, was du da alles findest. Mehr Informationen über einen anonymen Samenspender, als ich von meinem eigenen Mann weiß.

CAMERON: Warum hast du mir nichts davon erzählt?

PRISCILLA: Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich Angst hatte, ich könnte versucht sein.

CAMERON: Und jetzt?

PRISCILLA: Jetzt bin ich anscheinend bereit, der Versuchung nachzugeben. Aber ich will nichts über die Spenderin wissen. Du sollst mir nur sagen, wie du ihr Ei befruchtet hast. Versprich mir, dass du es mit ICSI machst ... und nicht anders!

CAMERON (verblüfft): ICSI? Woher wwweißt du was von ICSI?

PRISCILLA: Ich hab im Internet nachgeschaut. Bei ICSI wird nur ein einziges Spermium missbraucht.

CAMERON: Missbraucht?

PRISCILLA: Jawohl, weil es nämlich nicht natürlich ist. Im Internet steht, dass nur ein einziges Spermium unter dem Mikroskop in die Eizelle injiziert wird. Ich würde nicht wollen, dass du es auf die natürliche Weise machst ... mit Millionen von Spermien. Das scheint mir weniger sündig zu sein ... es bloß mit einem zu machen.

CAMERON: Schon, aber vielleicht brauchen wir mehr als eins. Bei ICSI wird meist mehr als bloß ein Ei befruchtet.

PRISCILLA: Und was passiert mit den übrigen Embryos?

CAMERON: Warum willst du das alles wissen?

PRISCILLA: Weil ich's halt wissen will!

CAMERON: Die werden eingefroren.

PRISCILLA: Für wie lange?

CAMERON: Was weiß ich. Bis wir sicher sind, dass wir sie nicht mehr brauchen.

PRISCILLA: Und dann?

CAMERON (ungeduldig und gereizt): Was weiß ich. Vielleicht werden sie zur Adoption freigegeben?

PRISCILLA: Still! Ich will nichts mehr davon hören. (Fällt auf die Knie und zieht Cameron ebenfalls auf die Knie.) O Herr, erbarme dich dieser zwei Sünder, die sich von ganzem Herzen ein Kind wünschen, und erhöre unser Flehhhen um eine glückliche Niederkunft. Alle unreinen Gedanken, die wir gehabt haben mögen ... alle Verfehlungen, die wir begangen haben mögen ...«

Wir müssen damit rechnen, dass statt »Empfängnisverhütung« in den überalterten Ländern Europas (und bald auch in China) zunehmend »Empfängnis« zum Schlagwort für das 21. Jahrhundert wird, wo die demografische Realität derzeit bei durchschnittlich 1,5 Kindern pro Familie liegt, also in ganz Europa außer in Albanien weit unter dem Erhaltungsniveau. Und was hat das mit ICSI zu tun?

ICSI ist die effektivste IVF-Methode zur Bekämpfung männlicher Unfruchtbarkeit aufgrund zu geringer Spermienanzahl. Die dürfte für rund ein Drittel aller Fälle von Kinderlosigkeit verantwortlich sein. Bei ICSI wird in mehrere Eizellen (die mittels hormonbedingter Superovulation erzeugt wurden) jeweils eine einzige Samenzelle injiziert, wodurch mehrere Embryos entstehen, die auf eine Vielzahl von Erbkrankheiten untersucht werden können, bevor sie als drei Tage alte Embryos in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Für die steigende Zahl berufstätiger Frauen, die erst mit Ende 30 oder noch später Kinder bekommen möchten, wird diese Möglichkeit zunehmend attraktiv. In diesem Alter ist die Häufigkeit von Genmutationen (wie dem Down-Syndrom) um mehrere hundert Prozent höher als bei jüngeren Frauen.

»SALLY (33-jährige Schwester von Cameron und Mutter eines Babys): Du willst also ... auch ein Baby. Und wann willst du die Sache in Angriff nehmen?

HARRIET (erfolgreiche Urologin und Lebensgefährtin von Sally): In zwei Monaten. So lange brauche ich für die Vorbereitungen.

SALLY: Willst du zu einer Samenbank gehen?

HARRIET: Da war ich schon.

SALLY: Und du hast mir nichts davon gesagt?

HARRIET: Nein ... weil mir schnell klar wurde, dass eine Samenbank nicht das Richtige für mich ist. Also warum darüber reden? Ich brauche etwa zwei Monate, um mich für die Superovulation vorzubereiten. Ich bin jetzt 37. Nicht zu alt für ein Kind, vorausgesetzt, ich bin nicht unfruchtbar ... aber alt genug, um auf Nummer Sicher zu gehen.

SALLY: Du denkst an eine Fruchtwasseruntersuchung?

HARRIET: Nein ... darauf möchte ich mich nicht einlassen. Denn wenn dann etwas ... nicht in Ordnung ist ... gibt es nur die Alternative Schwangerschaftsaaabbruch, weil ich dann bereits im dritten Monat bin. Nein, ich setze auf die Prä-Implantations-Diagnostik.

SALLY: Mit anderen Worten: keine normale künstliche Befruchtung.

HARRIET: Richtig. Es kommt nur ICSI in Frage ... die direkte Injektion eines Spermiums in meine Eizelle. Das scheint mir das einzig Richtige zu sein. (Zögert.) Ich habe lange darüber nachgedacht.

SALLY: Hast du dir schon überlegt, wer der glückliche Spender sein soll?

HARRIET: Ich habe da schon so eine Idee.«

Diese Szene spielt selbstverständlich auf einen bis vor kurzem unvorstellbaren Tabubruch an: dass ein Kind zwei Elternteile desselben Geschlechts haben könnte. Doch ICSI kann noch weitere ethische Fragen aufwerfen: Was ist mit der Vorherbestimmung des Geschlechts des Kindes? Bevor Sie vor den horrenden makroskopischen Folgen erschauern, wenn diese Technik in großem Ausmaß in Ländern wie China oder Indien (das entspricht einem Drittel der Weltbevölkerung) praktiziert würde, wo der Wunsch nach einem männlichen Nachkommen kulturell geprägt ist, sollten Sie das folgende mikroskopische Beispiel in Tabus betrachten.

»CAMERON (deutet auf Harriets Bauch): Ich hab dich geschwängert ... da fühl ich mich halt verantwortlich ...

HARRIET (rasch, fast ärgerlich): Moment mal! Moment mal! Du hast mich nicht geschwängert ... und du bist ganz gewiss nicht verantwortlich. (Hält inne.) Wir haben ein paar Spermien von dir benutzt ... genau gesagt, sieben ... die in sieben von meinen Eizellen injiziert wurden. Du wolltest wissen, ob du zeugungsfähig bist ... und ich war bereit, dir zu helfen, das mit einem der Embryonen herauszufinden. Ich habe das nur getan, weil ich ein eigenes Kind mit Sally haben wollte. Und da sie deine Schwester ist, trägt sie durch dein Spermium zum Genpool des Babys bei. Es war meine Entscheidung ... und ich allein trage die Verantwortung. Du hattest deine Schuldigkeit getan, sobald du masturbiert hattest.

CAMERON (trocken und leicht ironisch): Vielen Dank, die Dame ... für diese klaren Worte.

HARRIET: Ich bin noch nicht fertig. Nachdem sich der Embryo in meiner Gebärmutter eingenistet hatte, habe ich dir die anderen zur freien Verfügung überlassen. Das war die einzige Bedingung zwischen uns. Dass deine Frau mit einem dieser Embryonen schwanger wurde, dafür bist du verantwortlich ... nicht ich. (Noch nachdrücklicher.) Wenn dieser Junge (deutet auf ihren Bauch) geboren wird, dann ist das mein Sohn. Und wenn Priscilla entbindet, dann ist das euer Sohn. Ist das klar? Wir wollen da nichts durcheinander bringen.

CAMERON: Woher weißt du, dass es beide Male Jungs werden?

HARRIET: Weil ich einen Sohn haben wollte.

CAMERON: Aber so läuft das nicht. Was wir bekommen, das entscheidet Gott, und wir werden dankbar sein für das, womit er uns segnet.

HARRIET (milder): Cam, ich will mit dir nicht über Religion streiten. Hier geht es schlicht um Biologie. (Zögert.) Wir haben für die künstliche Befruchtung die ICSI-Methode gewählt, richtig?

CAMERON: Richtig.

HARRIET: Also in jede Eizelle ein Spermium injiziert, richtig?

CAMERON: Richtig.

HARRIET: Das Geschlecht des Kindes wird immer durch das Spermium bestimmt. Ein Spermium, dass das Y-Chromosom trägt, führt zu einem Jungen, ein Spermium, das das X-Chromosom trägt, zu einem Mädchen. Das lernt man schon in der High-School ... sogar in Mississippi.

CAMERON: Worauf willst du eigentlich hinaus?

HARRIET: Dass es inzwischen eine Technik gibt ... die so genannte Durchfluss-Zytometrie ... um X- von Y-Spermien zu trennen ...

CAMERON (bestürzt): Und du hast die Spermien trennen lassen? Und hast mir nichts davon gesagt?

HARRIET: Das gehörte nicht zu unserer Abmachung. Du wolltest wissen, ob du zeugungsfähig bist, ich wollte einen Sohn, und du wolltest mit deiner Frau ein Kind haben. Für weitere ICSI-Injektionen waren keine Eizellen von mir mehr da. Ich war schon großzügig genug, dir die übrigen Embryonen zu überlassen, und das waren alles potenzielle Jungs. Was spricht denn dagegen, einen Jungen zu bekommen?

CAMERON: Nichts.

HARRIET: Na bitte!

CAMERON: Aber das Geschlecht des Kindes auszusuchen, das ist so ...

HARRIET: Sag bloß nicht ... unnatürlich.

CAMERON: Doch, unnatürlich.

HARRIET: Glaubst du etwa, ICSI sei natürlich? Die moderne Medizin ist voll von Eingriffen und Substanzen, die es in der Natur nicht gibt. Hältst du ›unnatürlich‹ automatisch für ›unethisch‹? Weißt du, dass seit 1991 mehr als 100 000 ICSI-Babys geboren worden sind?«

Ich kann mir vorstellen, dass nun einige Leser »Jetzt haben wir genug von Ihren Tabus!« rufen. Doch wie wäre es mit noch einem? Einem, das - bis jetzt - nur in meinen Tabus vorgekommen ist, das jedoch schon aus statistischen Gründen in der nahen Zukunft wahrscheinlich ist, wenn man bedenkt, wie viele durch ICSI produzierte Embryos herumgereicht werden? Wie wäre es mit Zwillingen, die 3000 Kilometer voneinander entfernt auf die Welt kommen?

»HARRIET: Erinnere dich: Du selbst hast gesagt, dass du nichts dagegen einzuwenden hättest, wenn Cameron mein Samenspender würde. Es fiel mir nicht leicht, mich dazu durchzuringen, sein Sperma zu benutzen. Ich war mir nicht sicher, ob Cameron sich damit zufrieden geben würde, nur der Samenspender zu sein ... so wie Max bei dir. Vor allem deshalb, weil Cameron ein eigenes Kind haben wollte.

SALLY: Sprich weiter.

HARRIET: Wenn mein Sohn einen zweiten Elternteil haben sollte, dann wollte ich, dass du das bist ... und nicht dein Bruder. Aber da er einen Ersatz-Embryo für seine Frau suchte und da Priscilla nichts über die Ei-Spenderin erfahren wollte, dachte ich mir, wenn ich sein Sperma und meine Eizellen benutze und ihm die überschüssigen Embryonen gebe, dann würde er mir keine Schwierigkeiten machen, sobald er selbst ein Kind hat ... und zwar in Mississippi, so weit weg von hier wie nur möglich.

SALLY: Harriet! Der springende Punkt ist, warum du mir nicht gesagt hast, dass du ihm die Embryonen gegeben hast!

HARRIET: Weil ich ihm versprechen musste, es keinem Menschen zu sagen. Willst du sagen, ich hätte mich nicht an mein Versprechen halten sollen?

SALLY: Harriet, die beiden sind Zwillinge! Keine eineiigen natürlich. Aber was sind Zwillinge anderes als Geschwister derselben biologischen Mutter und desselben biologischen Vaters, zur selben Zeit geboren? Ich bin die Ko-Mutter deines Sohnes, aber ich wollte keine Zwillinge!

HARRIET: Woher hätte ich denn wissen sollen, dass die beiden die Sache sofort in Angriff nehmen? Und dass sich der Embryo auf Anhieb einnistet? Und dass ihr Baby vorzeitig geboren wird, noch dazu am selben Tag wie mein Kind? Wenn sie ein paar Monate gewartet hätten ... dann wären die beiden Jungs für mich lediglich zwei Kinder, die 2000 Meilen voneinander entfernt von zwei verschiedenen Müttern zur Welt gebracht wurden.

SALLY: Und was jetzt?

HARRIET: Jetzt habe ich Angst.«

Ich könnte nun selbstverständlich mit der Beschreibung anderer bevorstehender Tabubrüche weitermachen, die aber alle in der folgenden Ansprache von Max, Harriets Bruder (und Samenspender für Sallys Baby), beinhaltet sind.

»MAX: Das Familienrecht, das hier gefragt ist, gibt es noch nicht. Zunächst einmal, wie würde ein Anwalt Camerons Rollen definieren? Er ist der Vater von Zwillingen ... die jeweils eine andere gesetzliche Mutter haben ... eine Art Schwiegeronkel seines eigenen Sohnes und der Onkel des Stiefbruders seines Sohnes ... (wirft die Hände hoch) ... Ich könnte noch fortfahren.«

Doch wozu sich die Mühe machen? Jeder, der neugierig genug ist, sollte sich einfach mein Stück ansehen oder das Buch lesen. Wer sich vor diesen Tabubrüchen zu sehr fürchtet oder ekelt, braucht nur ein paar Jahrzehnte zu warten, denn wie es so oft in sexuellen Angelegenheiten geht: Die Tabus von gestern sind die Normen von morgen.

Manche Leser werden nun verständlicherweise fragen: »Und was ist mit Ihnen, Herr Djerassi? Was ist Ihre Meinung? Sie haben zweifellos zu dieser Trennung von Sex und Fortpflanzung beigetragen, die Sie in Ihren Science-in-Fiction-Romanen und besonders in Ihren Stücken immer wieder ansprechen. Sind Sie zufrieden damit, einfach nur Fragen zu stellen und die Antworten vorzuenthalten?«

Solche Fragen sind berechtigt, trotzdem zögere ich, sie zu beantworten. Warum? In erster Linie, weil ich der Meinung bin, dass Sex und Fortpflanzung so private Angelegenheiten sind, dass nur das betroffene Paar - und manchmal nur die betroffene Frau - eine Entscheidung treffen sollte. Ich glaube, dass es meine Aufgabe ist, die Fragen zu stellen und für den korrekten technischen Hintergrund zu sorgen, damit die nachfolgende Debatte realistisch geführt wird - und nicht hysterisch.

Wen interessiert, was dieser 82-jährige Schriftsteller, der früher Wissenschaftler war, denkt? Da ich mich nicht vor einer Antwort drücken will, mache ich es kurz und bündig: Die Trennung von Geschlechtsverkehr und Reproduktion ist in ganz Europa bereits ein Faktum. Denn falls das nicht so wäre, würden die meisten Europäer zölibatär leben, sobald sie ihre 1,5 Kinder pro Familie produziert hätten. Ganz offensichtlich haben sie mehrere hundert Mal Sex ohne die geringste Absicht, dabei ein Baby zu zeugen. Für jedes hier angesprochene Problem kann man Horrorszenarien entwerfen. Jedem kann man ein »Und was, wenn?« entgegnen. Das reduziert alles unweigerlich auf eine private Entscheidung, anstelle einer Allgemeingültigkeit, die dann Empfehlung oder Verbot würde.

Die Hauptsssorge der Öffentlichkeit ist freilich, all dies könnte zu einer Zerstörung der Kernfamilie führen. Das ist himmelschreiender Unsinn. In dem von mir beschriebenen Szenario wäre nahezu jedes Kind »geplant« und dadurch »gewollt«. »Gewollte« Kinder sind ausnahmslos »geliebte« Kinder, die ihrerseits den stärksten Kitt für eine funktionierende Familie bilden. Lassen Sie mich mit einem weiteren Zitat aus Tabus schließen:

»MAX: Denkt daran: Es kommt nicht darauf an, wie viele Mamis oder wie viele Papis es in deiner Familie gibt. Es kommt nicht darauf an, ob es in deiner Familie Geschwister oder Cousins oder Cousinen oder Großmütter oder Großväter oder Onkel oder Tanten gibt. Jede Familie ist etwas Besonderes. Wichtig ist nur, dass sich alle Menschen in dieser Familie lieb haben. Noch versteht dieses Baby das nicht ... aber das wird sich bald ändern.«

Fortpflanzung ohne Sexualität? Horrorvorstellung oder Segen für die Menschheit? Sagen Sie uns Ihre Meinung und diskutieren Sie mit!

Carl Djerassi, emeritierter Professor für Chemie an der Stanford University, hat außerdem fünf »Science-in-Fiction«-Romane und sechs Theaterstücke geschrieben. Tabus hatte am 28. Februar in London seine Weltpremiere und ist auf Deutsch unter dem Titel »Phallstricke. Tabus. Zwei Theaterstücke aus den Welten der Naturwissenschaft und der Kunst« im Haymon-Verlag erschienen.

Übersetzung: Ursula-Maria Mössner, Sigrid Neudecker

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