50 Jahre Pille

"Das Geschenk für den Mann"

Am Sonntag wird die Pille 50 Jahre alt. Der Chemiker Carl Djerassi hatte das entscheidende Hormon entwickelt. Ein FR-Gespräch über Penis-Fixierung, weibliche Körper - und ein Gedicht.
Carl Djerassi
Herr Djerassi, wollen Sie überhaupt noch über die Pille reden?

Haha, die Frage gefällt mir. Die Antwort ist: Nein!

Warum nicht?

Weil ich seit einer Ewigkeit über nichts anderes reden muss. Ich führe aber jetzt ein anderes Leben, ich schreibe seit 20 Jahren Theaterstücke, Gedichte und Romane, ich bin ein intellektueller und literarischer Schmuggler und befasse mich nur mit Themen, die mich interessieren.

Sex und Liebe sind der rote Faden in Ihrem Werk.

Das stimmt - aber auch verbunden mit Naturwissenschaft. Wie verändern sich Sexualität und Liebe in Zeiten technischer Reproduzierbarkeit? Zuletzt habe ich mich allerdings mit jüdischer Identität befasst und das beste und wichtigste Buch meines Lebens geschrieben, aber da ging es eben gar nicht um die Pille. Also dürfte Sie das wohl kaum interssieren...

Lassen Sie uns gleich darauf zurückkommen und gestatten Sie mir einen uneleganten Übergang: zu Ihrer sozusagen metaphorischen Identität als Mutter der Pille.

Zur Person
Carl Djerassi wurde 1923 in Wien als Sohn eines jüdischen Ärztepaars geboren. Der Vater stammte aus Bulgarien. Djerassi verbrachte seine ersten Lebensjahre in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Als er fünf Jahre alt war, trennten sich die Eltern, er kehrte mit seiner Mutter nach Wien zurück. Mit Beginn der Nazizeit floh er zunächst zum Vater nach Bulgarien und wanderte später mit der Mutter in die USA aus.

Seine wissenschaftliche Karriere begann Anfang der 1950er Jahre, als er mit seinem Kollegen Luis E. Miramontes für die Firma Syntex S.A. in Mexiko-Stadt das Sexualhormon Norethisteron, ein Gestagen, künstlich herstellte. Damit entwickelte er mit Gregory Pincus und John Rock 1951 die Antibabypille, sie wurde am 9. Mai 1960 zugelassen und kam im August 1960 unter dem Namen Enovid auf den US-Markt. In seiner Autobiografie bezeichnet sich Djerassi als "Mutter der Pille". Von 1959 bis 2002 lehrte er an der Stanford University.

Besondere Leidenschaft entwickelte er für die Kunstwerke von Paul Klee. Seine umfangreiche Sammlung ist in einer Dauerausstelltung im San Francisco Museum of Modern Art zu sehen. (ber)
Nun gut. Die hat eigentlich mit einem Spaß angefangen. Meine Autobiografie von 1991 hat im Englischen einen sehr langen Titel, also schlug der Haffmans Verlag vor: "Der Vater der Pille". Das war mir zu phallozentrisch.

Phallozentrisch?

Die Frauen und insbesondere die Feministinnen in den 60er und 70er Jahren waren ja sehr irritiert von diesem Widerspruch, dass eine Pille, die hormonell auf den intimsten Bereich der Frau einwirkt, von Männern entwickelt worden war. Der entscheidende Vorwurf lautete, wir Männer hätten die Pille für die Frau erfunden, weil wir keine Experimente an unseren Körpern vornehmen wollten.

Ist die These so abwegig?

Ich kann die Verärgerung verstehen, aber die Natur hatte uns zur damaligen Zeit nun mal den entscheidenden Hinweis geliefert: nämlich dass Frauen wegen der ständigen Sekretion von Progesteron während einer Schwangerschaft nicht schwanger werden können. Es gibt keinen vergleichbaren Anhaltspunkt in der reproduktiven Biologie des Mannes.

Aber an der Pille für den Mann wird doch auch geforscht?

Wissenschaftlich ist das Problem längst gelöst. Es gibt eine Substanz, die dafür sorgt, dass der Mann keine Spermien mehr produziert. Aber wenn das passiert, hat der Mann auch keine Libido mehr, also müsste er gleichzeitig Testosteron nehmen. Das ist alles erforscht. Es gibt aber unter den 20 größten Pharmakonzernen dieser Welt keinen, der sich dafür interessiert. Es würde sich nämlich nicht verkaufen.

Weil die Männer die Pille ablehnen würden?

Nein, in nördlichen Ländern würden Männer sie bestimmt nehmen, wenn ein praktisches Problem gelöst wäre. Für eine Frau in den 60er Jahren war die Frage wichtig, ob sie noch Kinder bekommen kann, wenn sie zehn Jahre lang die Pille genommen hat. Ein Mann wird fragen: Kann ich noch Kinder zeugen, wenn ich die Pille 35 Jahre nehme? Diese Frage ist klinisch nicht zu beantworten, von der Problematik Potenz erst gar nicht zu reden.

Ein Phallstrick - so haben Sie eines Ihrer Bücher genannt.

Ein Phallstrick, sehr wohl. Aber ich glaube, wir brauchen diese Pille auch bald gar nicht mehr. Da Sexualität und Reproduzierbarkeit längst getrennt sind, könnten Frauen im Alter von 20 Jahren ihre Eier einfrieren lassen, Männer ihre Spermien, und wenn ein Paar sich dann für Kinder entscheidet, kann es darauf zurückgreifen.

Warum sollte man das tun?

Die Frauen könnten mit 35, 40 Jahren, also in einem Alter, wo sie schon viele Eier verloren haben, noch problemlos Kinder kriegen, und die Männer könnten sich sterilisieren lassen; das wäre die beste Verhütung. Und so wird es auch kommen.

Zurück zu Ihnen. Sie fanden also, dass "Mutter der Pille" unangreifbarer klingt als "Vater der Pille"?

Es ist doch ganz anders gemeint. Schauen Sie, am Anfang jedes Medikaments steht die Chemie, sie ist die Mutter. Deshalb bin ich als Chemiker die "Mutter der Pille", nicht als Carl Djerassi. Das wird ständig falsch verstanden. Aber ich möchte mich hier jetzt nicht verteidigen.

Fühlen Sie sich angegriffen?

In Deutschland sensibilisiert mich allein schon die fiese Bezeichnung Antibabypille. Ein Verhütungsmittel ist doch nicht gegen ein Baby gerichtet, auch wenn das die katholische Kirche bis heute so deuten mag. In Frankreich oder in England ist es einfach "die Pille".

Wurden Sie oft angegriffen?

In den 60er Jahren gar nicht, erst später hier und da. Der interessanteste Angriff, wenn man so sagen will, stammt vom vergangenen Jahr. Da erschien weltweit übers Internet die Meldung: "Djerassi bereut die Pille." Hintergrund war, dass ich zuvor einen Artikel im Wiener Standard geschrieben hatte, wo ich mich mit der Fremdenfeindlichkeit in vielen mitteleuropäischen Ländern, vor allem in Österreich, auseinandergesetzt habe. Ich schrieb, dass man es sich gar nicht leisten könne, Migranten abzuweisen, weil die einheimischen Familien im Durchschnitt zu wenige Kinder bekommen. Die katholische Kirche hatte gleichzeitig eine Offensive gestartet, in der sie mal wieder behauptete, die Pille sei daran schuld - ein skandalöser Vorwurf. Daraus wurde dann gemacht, ich bereute die Pille.

"Geburtenkontrolle war ein großes politisches Thema"


Die Frage, wie sich durch die Pille die Bevölkerungszahl entwickeln wird, spielte in den 60er Jahren aber sehr wohl eine Rolle.

Geburtenkontrolle war in den 60er Jahren ein großes politisches Thema, aber doch nicht bezogen auf die Industrieländer. Schauen Sie, Nigeria wird in einigen Jahren das viertgrößte Land der Welt sein, während die Industrienationen erheblich schrumpfen. Aber das liegt doch nur daran, dass die westlichen Frauen nicht mehr nur an Kirche, Küche, Kinder denken.

Haben Sie sich vor der Markteinführung mit den gesellschaftlichen Folgen der Pille befasst?

Intensiv, ja. Meinen wichtigsten Artikel habe ich 1969 verfasst, über Geburtenkontrolle nach 1984, natürlich in Anspielung auf Orwell.

Chinas Einkindpolitik war bald keine Utopie mehr.

Nun, die ist ein ganz spezielles Thema. Aber in den 70er Jahren, als ich interdisziplinär zu unterrichten begann und auch am feministischen Programm der Universität Stanford teilgenommen habe, beschäftigten mich die Fragen nach den psychologischen und sozialen Folgen der Pille schon sehr. Als Chemiker hatte ich mich nur mit der Hardware befasst, nun war die Software dran.

Die Auseinandersetzung mit Frauen und der weiblichen Sexualität durchzieht auch Ihre gesamte literarische Arbeit.

Als Naturwissenschaftler, der zum Thema Verhütung arbeitet und dann mit der Pille in den intimsten Bereich der Frau eingreift, konnte ich ja nicht umhin, mich auch mit der weiblichen Sexualität zu befassen.

Haben Sie das Gefühl, den Frauen etwas schuldig zu sein?

Nein, ich bin ein feministischer Mann. Für mich war es zum Beispiel nie ungewöhnlich, dass Frauen in männlich dominierten Berufen arbeiten. Meine Mutter zog mich alleine auf, und sie war gleichzeitig Ärztin. Ich habe zum ersten Mal mit Anfang 20 geheiratet, vielleicht zu früh. Ich war insgesamt mit drei sehr unterschiedlichen Frauen verheiratet. Und nach der Scheidung von meiner zweiten Frau lebte ich acht Jahre lang allein, das war auch eine wichtige Erfahrung. Wie organisiert man sein Leben? Wo kauft man Klopapier? Es ist doch fürchterlich, dass viele Männer wie selbstverständlich annehmen, dass Frauen nur für sie da sein sollten.

Als die Pille auf den Markt kam, hat Ihre Frau sie dann auch genommen?

Meine zweite Frau war acht Jahre älter als ich. Sie war nicht mehr in einem Alter, wo sie die Pille noch gebraucht hätte. Und weil wir Kinder hatten, habe ich mich in den frühen 70er Jahren sterilisieren lassen.

Persönlich haben Sie gar nicht von der Pille profitiert?

Als Mann, der herumgeschlafen hat?

Ja.

Ich muss zugeben, dass die sexuelle Revolution, die ohne die Pille undenkbar gewesen wäre, für mich persönlich sehr wichtig war. Ich habe in San Francisco gelebt, das vielleicht das aggressivste Zentrum dieser Revolution war. Ich habe darüber sogar ein Gedicht geschrieben, es heißt "Die Uhr läuft rückwärts". Da beschreibe ich das sehr ehrlich.

Würden Sie es aufsagen?

Es handelt von einer rückwärts laufenden Uhr, die ein Mann zum Geburtstag geschenkt bekommt:

Amüsant - genau das Geschenk für den Mann, der alles hat

Wie faustisch, dachte der Freund

Als die Zeiger die 50 ereichten, hielt er sie an: Bücher, Hunderte von Artikeln, Dutzende von EhrenNicht schlecht, dachte er, die Uhr gefällt mirDoch 50 war auch die Zeit, als seine Ehe zerbrochen war

Er ließ die Uhr weiterlaufen: 48 Jahre, 45, dann 41

Ach ja, die Jahre des Sammelns: Gemälde, Skulpturen, und Frauen. Besonders Frauen

Doch war das nicht auch die Zeit, als seine Einsamkeit begann...... etcetera pepe.

Schön. Hat sich für den Frauen-sammler auch die Qualität des Geschlechtsverkehrs verbessert?

Selbstverständlich. Das wirklich Wichtige an der Pille war doch, dass zum ersten Mal Geschlechtsverkehr und Verhütung getrennt waren. Vorher hat man unterbrechen müssen: "Moment, ich muss erst das Kondom suchen und überstreifen." Das war unerfreulich.

Für den Mann auf jeden Fall.

Nun ja, die Gesellschaft war damals sehr phallozentrisch.

"Sie erwarten zu viel von mir. Ich bin Chemiker"


Deshalb mögen Männer Kondome nicht. Mit der Pille kann man schneller zur Sache kommen. Pille und Phallozentrik waren nicht von ungefähr ein Thema des Feminismus.

Das ist auch eine verständliche Kritik. Ich habe immer betont, wie wichtig es ist, das Kondom intelligent zu benutzen, das Überstreifen ins Liebesspiel mit einzubinden. In den 70er Jahren kamen dann die bunten Kondome auf den Markt, blaue und rote, fürs Vorspiel. Geschmackskondome kamen später auch noch dazu. Man darf das Kondom nicht nur als Verhinderer von Geschlechtskrankheiten oder als ein Utensil fürs Bordell betrachten. Genauso hielt ich es immer für Unsinn, die Pille als die ideale Lösung anzusehen, schon gar nicht für alle Frauen.

Zumal man anfangs nicht wusste, wie die Pille das Körpergefühl der Frauen beeinträchtigt und damit ihr sexuelles Empfinden.

Warum wollen Sie darüber ausgerechnet mit mir reden?

Spielten diese Überlegungen für Sie keine Rolle?

Sie erwarten zu viel von mir, psychologisch, philosophisch. Ich bin Chemiker.

Und ein Literat, der die Liebe und die Sexualität erörtert. Es ist doch ein wesentlicher Aspekt, wenn Frauen im Zusammenhang mit der Pille davon sprechen, wie sie ihren Körper verändert hat.

Aber sind das nicht Fragen, die man den Frauen stellen sollte?

Haben Sie sie den Frauen nie gestellt?

Meine dritte Frau, sie war eine bekannte Literaturptofessorin, war im Vorstand des feministischen Programms der Universität Stanford. Ich habe also den Feminismus auch im Bett gelernt.

Herr Djerassi, Sie sprachen eingangs davon, dass Sie im vergangenen Jahr das wichtigste Buch Ihres Lebens veröffentlicht haben...

"Vier Juden auf dem Parnass" heißt es. Es ist dialogisch geschrieben, ein fiktives Gespräch zwischen Walter Benjamin, Theodor Adorno, Arnold Schönberg und Gershom Scholem.

Warum ist es das wichtigste Buch Ihres Leben?

Zu der Zeit, als ich es geschrieben habe, wussten meine Frau und ich, dass sie sterben wird. Sie hatte Krebs. In dieser Zeit haben wir beide uns sehr intensiv intellektuell beschäftigt, um nicht an die Realität denken zu müssen. Meine Frau schrieb an einer Biografie Ovids. 80 Prozent waren fertig, als sie starb. Sie war die Liebe meines Lebens.

Und Ihr Buch war auch eine Art Therapie?

Eine Auto-Psychoanalyse. Mir ging es nicht um die Philosophie, ich bin ja nun mal ein Chemiker, es ging mir ganz persönlich als Mensch um das Thema der jüdischen Identität, ein Thema, das mir in den letzten zehn Jahren immer wichtiger geworden ist.

Sie sind nicht religiös erzogen worden?

Überhaupt nicht, ich stamme aus einer typischen säkularen jüdischen Familie in Wien, Weihnachtsbaum-Juden. Wie in der Familie von Walter Benjamin stand auch bei uns zu Weihnachten der Tannenbaum im Zimmer, Chanukka feierten wir nie. Trotzdem kam irgendwann die Frage auf: Ein Jude zu sein, was bedeutet das eigentlich? Und ich finde, dass Adorno, Schönberg, Scholem und Benjamin wunderbare Identifikationsmodelle für Juden im zentraleuropäischen, eigentlich im deutsch-österreichischen Milieu bieten. Auch, weil sie sehr verschieden sind. Der Maler Paul Klee, den ich sehr bewundere und sammle, der gehört eigtlich auch dazu.

Der als nicht-jüdischer Jude, als den ihn die Nazis verunglimpft haben, ein Beispiel für eine negative Identifikation darstellt.

Genau, das ist auch in meiner Biografie entscheidend. Ich bin als junger Jude aus Österreich rausgeschmissen worden, ich bin geflohen, und als ich dann als 16-Jähriger in die USA kam, wollte ich mich so schnell wie möglich assimilieren. Ich habe mich dort niemandem vorgestellt als Carl Djerassi, der jüdische Flüchtling. Meine Identität als Jude wurde für mich dann erst wieder im Alter wichtig.

Mit welchem Ergebnis?

Schauen Sie, als junger Professor der Chemie war ich in unserer Abteilung an der Universität von 20 Professoren der einzige Jude. Ich habe damals gar nicht darüber nachgedacht, dass das auch versteckte antisemitische Gründe haben könnte. Heute, wo 40 Prozent der Professoren Juden sind, spreche ich diesen Zustand von damals oft an: auch aggressiv.

Sie haben sich mal als Workaholic bezeichnet.

Ja, ich wünschte mir, ich hätte mir mehr Zeit genommen, um über viele andere Dinge nachzudenken.

Sind Sie nicht zufrieden mit dem, was Sie erreicht haben?

Ich bin in einem sehr ernsthaften Sinne nie zufrieden. Das ist mein Malheur.

Interview: Mark Obert

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Copyright © FR-online.de 2010
Dokument erstellt am 06.05.2010 um 17:34:05 Uhr
Letzte Änderung am 06.05.2010 um 19:23:21 Uhr
Erscheinungsdatum 07.05.2010 | Ausgabe: d