DER SPIEGEL 4/2002 - 21. Januar 2002

Titel
 
"Laborbabys werden mehr geliebt"

Der Chemiker und Schriftsteller Carl Djerassi über den Erfolg der Anti-Baby-Pille, die Trennung von Sex und Fortpflanzung und die Zukunft des Kinderkriegens

Djerassi, 78, hat vor fast genau 50 Jahren ein Hormon zur Empfängnisverhütung chemisch hergestellt und daraus die Anti-Baby-Pille entwickelt. Seit 1985 widmet er sich einer anderen Leidenschaft: dem Schreiben. In seinen zahlreichen Romanen und Theaterstücken blieb Djerassi stets seinen Lebensthemen treu: Wissenschaft, Sex und Fortpflanzung.
SPIEGEL: Professor Djerassi, einst haben Sie dieAnti-Baby-Pille entwickelt, heute beschäftigen Sie sich inRomanen und Theaterstücken mit der künstlichen Befruchtung.Worin besteht der Zusammenhang?

Djerassi: In der Trennung von Sex und Fortpflanzungnatürlich. Millionen von Menschen haben sich daran gewöhnt,Sex aus Spaß und Liebe zu haben, ohne dass dabei ein Kindentsteht. Deshalb fällt es ihnen jetzt so leicht, auch dasGegenteil zu akzeptieren: Leben erschaffen ohne Sex.

SPIEGEL: Verändert die moderne Reproduktionsmedizindie Welt ebenso stark wie einst die Pille?

Djerassi: Zumindest in Zukunft könnte sie dasdurchaus - wobei mich übrigens der enorme Erfolg der Pilledamals sehr überrascht hat. Sie war ein ganz normalesMedikament, und plötzlich war Verhütung das beliebtestealler Gesprächsthemen auf Dinner-Partys ...

SPIEGEL: ... immerhin löste Ihre Entdeckung diesexuelle Revolution aus.

Djerassi: Das sehe ich anders. Ich bin fast sicher,dass wir diese Revolution auch ohne die Pille gehabthätten. Der Rock'n'Roll, die Hippiekultur, die Drogen, dieFrauenbewegung - all das hat in den sechziger Jahren eineRolle gespielt. Die Pille hat die ganze Revolte nurerleichtert - und natürlich angenehmer gemacht.

SPIEGEL: Und wieso glauben Sie, dass derRetortenzeugung eine ähnlich große Rolle zukommen könnte?

Weiter Weg zum Wunschkind
DER SPIEGEL
Weiter Weg zum Wunschkind
Djerassi: Der Wunsch der Eltern, das bestmöglicheKind zu haben, wird die Fortpflanzung der Zukunftdominieren. Und genau das wird die Fortpflanzung im Laborbieten.

SPIEGEL: Finden Sie nicht, dass derGeschlechtsverkehr mit dem Ziel, ein Kind zu zeugen, etwasBesonderes, etwas Mythisches ist?

Djerassi: Natürlich, und das wird in drei Viertelnder Welt in den nächsten paar Jahrhunderten auch weiter sosein. Ich spreche über das, was in den Wohlstandsländernbei den reichen Leuten passieren wird. Diese Paare wollenim Bett kein Kind mit einem Morbus Down zeugen ...

SPIEGEL: ... sondern im Labor die genetischenEigenschaften ihres Nachwuchses aussuchen?

Djerassi: Warum denn nicht? Das ist ja nichtGenmanipulation, sondern Auswahl. Eigentlich stecktdahinter ein Gedanke, der bereits jetzt ununterbrochenverfolgt wird: Wir versuchen, unsere Kinder in die besteSchule zu schicken, ihnen alles zu schenken, was ihreZukunftsaussichten verbessern könnte. DiePräimplantationsdiagnostik eröffnet nun die Chance,zwischen sechs oder acht Embryonen den genetisch bestenNachfahren auszuwählen. Das ist doch sehr praktisch, wennauch nicht angenehm.

SPIEGEL: Manchen graust es davor.

Djerassi: Solches Grausen kann ich verstehen, aberlogisch ist es nicht. Mehr und mehr Frauen vertagen dasKinderkriegen auf ihre späten dreißiger oder sogar frühenvierziger Jahre, ein Alter also, in dem es vielgefährlicher ist, ein Kind zu haben. Fast alle diese Frauenlassen eine Fruchtwasseruntersuchung über sich ergehen, umgenau zu wissen, ob das Kind eine Krankheit haben wird -und zwar zu einem Zeitpunkt, wo sie bereits seit dreiMonaten schwanger sind. Und wenn der Befund positiv ist,treiben die meisten das Kind ab. Ist es da nicht vielbesser, den Test vorher zu machen?

SPIEGEL: Die In-Vitro-Befruchtung soll also zumStandard, der Embryonen-Check serienmäßig werden?

Djerassi: Oh, nicht nur das. Ich gehe sogar nochweiter. Ich behaupte, dass am Ende Verhütungsmittel totalunnötig sein werden. Die Menschen werden ihre Spermien undEier in einer Bank auf Eis legen können und lassen sichanschließend sterilisieren.

SPIEGEL: Also als junge Erwachsene?

Djerassi: Genau. Bei Frauen hätte das sogar einenmedizinischen Vorteil: Junge Eier sind viel besser alsältere Eier.

SPIEGEL: Aber verschweigen Sie in diesem Szenarionicht, wie belastend es für die Frau ist, sich die Eierentnehmen zu lassen?

Djerassi: Ich bestreite ja nicht: Die Probleme sindfür die Frauen derzeit viel größer als für die Männer -wobei ich übrigens fest damit rechne, dass die Entnahme derEier noch vereinfacht werden kann. Aber wiegen Sie dieNachteile einmal gegen die Vorteile auf: Frauen hätteneinen Vorrat an gefrorenen Eiern und könnten diese genaudann befruchten lassen, wenn es ihre Karriere zulässt. Aufdiese Weise könnten Frauen die biologische Uhr austricksenund das Kinderkriegen um fünf oder zehn Jahre verschieben- unter Umständen sogar, bis sie fast 50 sind.

SPIEGEL: Hätten Sie als Kind gern Eltern imRentenalter gehabt?

Djerassi: Vergessen Sie nicht: Eine Frau, die heutemit 45 Jahren Mutter wird, verbringt bis zu ihrem Tod mitihrem Kind viel mehr Zeit als jene, die vor 100 Jahren ihrKind mit 20 Jahren bekommen hat. Es gibt natürlichSchattenseiten: Alte Eltern können zum Beispiel nicht mehrso einfach Fußball mit ihrem Kind spielen. Andererseitssind sie oft gescheiter und weiser.

SPIEGEL: Haben Eltern also ein Recht auf ein Baby umjeden Preis?

Djerassi: Entscheidend scheint mir nicht derStandpunkt der Eltern, sondern der des Kindes. Wenn dasunter technischen Umständen produziert wird, bei denen demKind Gefahr droht, dann ist die Zwangsvorstellung vom Babyum jeden Preis falsch.

SPIEGEL: Würden Sie aus diesem Grund das Kloneneines Menschen ausschließen?

Djerassi: Ja, momentan schon. Dennoch bin ich nichtabsolut gegen das Klonen. Ich teile nicht die weitverbreitete Angst, dass ein vom Größenwahn getriebenerIdiot sich tausendfach klonen würde. Wenn erst einmal dasRisiko von Fehlbildungen beherrschbar wäre, könnte dasKlonen eine Alternative für jene Paare sein, denen dieklassische Reagenzglasbefruchtung nicht helfen kann.

SPIEGEL: Nicht jeder Embryo, der künstlich gezeugtwird, darf auf die Welt kommen. Abertausende liegen aufEis. Hunderte wurden getötet, weil man embryonaleStammzellen aus ihnen gewinnen wollte.

Djerassi: Für mich steht fest: Embryos mit vier oderacht Zellen sind noch keine Menschen. Im Übrigen: Die Leutewerfen uns immer vor, wir spielten Gott, wenn wir so überungeborenes Leben reden und urteilen. Aber spielen wirnicht schon seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten Gott -beispielsweise wenn wir unser durchschnittlichesLebensalter dank medizinischem Fortschritt verdoppelthaben?

SPIEGEL: In Ihren Theaterstücken und Romanen habenSie die Trennung von Fortpflanzung und Sex als einer derErsten prophezeit. Haben Sie erwartet, dass die neuenReproduktionstechniken so rasch die Welt erobern?

Djerassi: Nicht so schnell, nein. Nehmen Sie das sogenannte ICSI-Verfahren, bei dem ein Spermium in dieEizelle gespritzt wird. Niemand hätte bei der Geburt desersten ICSI-Babys 1991 in Belgien gedacht, dass heute schonetwa 100 000 von ihnen die Welt bevölkern.

SPIEGEL: Was ist Ihrer Meinung nach der Grund fürden verblüffend schnellen Siegeszug neuerReproduktionstechniken in Deutschland und mehr noch inanderen Industriestaaten?

Djerassi: Das hängt maßgeblich mit dem Rückgang derBevölkerungszahlen zusammen. Der Wert eines der wenigenKinder in einer geriatrischen Welt wird viel, viel größer,und die Eltern werden älter. Die Reagenzglasbefruchtung istaus dieser Welt nicht mehr wegzudenken.

SPIEGEL: Und alle sozialen Verwerfungen, die das mitsich bringt, muss man eben in Kauf nehmen?

Djerassi: Ich weiß, viele Leute glauben, dass allediese Tendenzen die traditionelle Familie abwerten undzerstören. Ich aber begegne den abschreckendenSchöne-Neue-Welt-Szenarien mit dem Gegenargument: Die imLabor entstandenen Kinder sind stets gewünscht: Sie werdendeshalb mehr geliebt als natürlich gezeugte Kinder, was dieFamilie auch sehr stärken könnte.

SPIEGEL: Sind die Kritiker der neuenFortpflanzungswelt also alles hoffnungslose Romantiker?

Djerassi: Vor allem sind sie Pessimisten. Und sieübersehen, wie schnell und grundlegend sich die Art unseresZusammenlebens ständig verändert.

INTERVIEW: JÖRG BLECH, GERALD TRAUFETTER


 


© DER SPIEGEL 4/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet AG