DIEWOCHE 42/01, 12. Oktober 2001



Sex ist nicht preiswürdig
 

Seit 50 Jahren wartet CARL DJERASSI, der "Vater der Pille", vergebens auf den Nobelpreis. Ein Star ist er auch so geworden

 

VON CORNELIA STOLZE

Der Rückruf kam prompt. "Sie haben Glück, dass ich Ihre E-Mail gerade gelesen habe", sagt der Herr mit dem leichten amerikanischen Akzent. "Ab morgen früh bin ich nämlich schon wieder unterwegs zur Premiere eines meiner Theaterstücke in Bulgarien." Gestern Würzburg, heute London, morgen Sofia, danach New York und anschließend Washington - wie ein Besessener eilt Carl Djerassi trotz seiner 78 Jahre kreuz und quer durch die Welt. Von einer Theatervorstellung zur anderen, von einer Book-Launch-Party zur nächsten Lesung. Und natürlich zu den vielen Interviews. Die BBC, der Westdeutsche Rundfunk und Frank Elstner mit seiner Sendung "Menschen der Woche" - alle reißen sich um den charmanten Gentleman aus den USA, der so gar nicht in das übliche Raster seiner Zunft passen will.

Denn Carl Djerassi, der in diesen Tagen auf der Frankfurter Buchmesse mit "This Man’s Pill" sein jüngstes, stark autobiografisch gefärbtes Werk vorstellt (Haymon Verlag), ist nur in zweiter Linie Dramatiker und Romancier. Berühmt gemacht hat den in Wien geborenen Chemiker schon viel früher etwas anderes. Vor 50 Jahren, am 15. Oktober 1951, gelang ihm jener Coup, der ihn zu einem der bekanntesten und wohlhabendsten Wissenschaftler der Welt machte. Damals nämlich schlossen Djerassi und sein Mitarbeiter Luis Miramontes in einer kleinen, bis dahin unbekannten Firma in Mexiko City die Synthese jenes zungenbrecherischen "19-Nor-17Alpha-ethinyl-testosteron" ab, aus dem wenig später die erste Anti-Baby-Pille entstand.

Sex ohne Angst vor einer Schwangerschaft - wie keine andere medizinische Entwicklung hat "die Pille" seither die Gemüter erregt und das Verhältnis der Geschlechter verändert. Daraus, dass er seine Erfindung selbst für bahnbrechend hält, macht Djerassi keinen Hehl: "Natürlich gibt es Medikamente, zum Beispiel Antibiotika, die wichtiger sind." Aber die Pille, davon ist er überzeugt, hat die größten sozialen Auswirkungen gehabt. "Ohne sie wäre die Frauenbewegung nicht möglich gewesen." Außerdem, betont er, habe die Pille ja auch großes Ausmaß an menschlichem Leid durch Abtreibungen oder ungewollte Kinder verhindert.

Was läge da näher, als ihm endlich jene Würden zu verleihen, auf die er seit einem halben Jahrhundert vergeblich wartet: den Nobelpreis? Eigentlich nämlich, findet Djerassi, wäre er durchaus ein Kandidat für den Lorbeer aus Stockholm gewesen. Denn: "Es gibt viele Erfindungen, die den Nobelpreis verdienen, und die Pille ist sicher eine davon." Dass er darauf scharf wäre, gibt er offen zu. "Ich bin ein wichtiger Wissenschaftler und als solcher möchte man den Nobelpreis nun einmal kriegen - genauso, wie man als Schauspieler den Oscar gewinnen will."

Gerade aber hat sich das Nobel-Komitee wieder einmal gegen ihn entschieden. Statt der "Vater der Pille" haben am Montag Leland Hartwell, Tim Hunt und Paul Nurse den diesjährigen Nobelpreis für Physiologie und Medizin verliehen bekommen. Die Juroren würdigten damit die Entdeckungen der drei Wissenschaftler auf dem Gebiet der Steuerung der Zellteilung. Diese hätten zum Beispiel das Verständnis für die Veränderung des Erbguts in Krebszellen gefördert und damit neue Wege für die Behandlung von Krebserkrankungen erschlossen, hieß es in der Preisbegründung.

Djerassi hat ohnehin nicht mehr mit dem Preis gerechnet. "Dafür bin ich viel zu realistisch." Früher, ja. Da hat er wohl manches Mal auf den Anruf aus Stockholm gewartet. "Aber diese Zeit ist vorbei." Vielleicht, so mutmaßt mancher Forscherkollege, hat die "Pille" Djerassi einfach zu reich gemacht, um noch auf den Geldsegen der Nobel-Stiftung hoffen zu können. Womöglich aber scheuten die Juroren auch schlicht einen Eklat mit der Kirche. Schließlich begann mit der Entdeckung des geächteten Teufelszeugs aus Djerassis Labor eine Art zweiter Sündenfall der Menschheit. Wenn es für ihn überhaupt eine Nobelpreis-Chance gegeben hätte, meint der Wissenschaftler jedenfalls, dann am ehesten 15 bis 20 Jahre nach der Entdeckung der Pille.

Aber Carl Djerassi wäre nicht Carl Djerassi, wenn er sich damit still und leise abfände. Zwar sind die Zeiten, in denen sich der ehrgeizige Chemiker - zum Ärger seiner drei Ehefrauen - nächtelang im Labor herumtrieb, längst vorbei. Doch noch immer versucht der bekennende Workaholic, "26 Stunden in einen 24-Stunden-Tag zu packen". Getrieben von dem Wunsch, immer noch mehr zu erreichen. So viel Ambition, weiß er heute, ist sowohl beflügelnder Nährstoff als auch Gift. "Bei mir", gesteht er, "war es wohl eher Gift."

Sein Lebenselixier bezieht er nun seit Jahren aus anderen Quellen: seiner dritten Ehe - mit der Literaturprofessorin Diane Middlebrook - und seiner eigenen Schriftstellerei. Gleich sein erster Roman "Cantors Dilemma" wurde zum weltweiten Hit. Kein Wunder. Denn Djerassi ist nicht nur ein begnadeter Selbstdarsteller.Seit jeher weiß er auch, mit welchem Beiwerk man das trockene Brot der Wissenschaft würzen muss, um es dem Publikum schmackhaft zu machen und sich selbst ins Rampenlicht zu befördern. So handelt etwa "Cantors Dilemma" nicht nur von einem Wissenschaftler, dem durch einen genialen Einfall der jahrzehntelang erhoffte Durchbruch in der Krebsforschung gelingt.

Wie (fast immer) beim Frauenheld Djerassi geht es auch um ein anderes Thema - Sex. Mit diesem Dauerbrenner versteht er es bis heute, sich ins Gespräch zu bringen. Ob künstliche Befruchtung und Keimzellbanken für jedermann, Standard-Gentests für Embryonen oder Klonen - Djerassi setzt die technische Machbarkeit in Sachen menschliche Reproduktion über alles und sieht in den jüngsten Errungenschaften der Reproduktionsmedizin "hauptsächlich positive Perspektiven". Vor allem für die Frauen. Viele von ihnen, argumentiert er, würden schließlich schon heute erst im Alter von mehr als 40 Jahren an eigene Kinder denken. Da wäre es doch "ganz schön intelligent", findet Djerassi, ihre Eizellen schon in jungen Jahren tiefgefroren für eine spätere Befruchtung im Reagenzglas einzulagern. Er sieht darin einen "wahren Gewinn an Unabhängigkeit".

Um bis dahin auf Nummer sicher zu gehen und Unfälle in Form ungewollter Schwangerschaften zu verhindern, propagiert Djerassi sogar, der Natur selbst bei jungen Menschen den Weg für immer abzuschneiden - per Sterilisation. Vorausgesetzt natürlich, sie lassen sich ihre Spermien oder Eizellen einfrieren, um zu einem späteren, geplanten Zeitpunkt durch künstliche Befruchtung Kinder zeugen zu können.

Erst dann wäre für Djerassi die perfekte Trennung von Sexualität und Fortpflanzung vollzogen. Bedenken hinsichtlich einer Technisierung der Beziehung von Mann und Frau hat er nicht. "Ich glaube, dass es genau umgekehrt ist." Das Verhältnis zwischen Mann und Frau, so sein Credo, werde dadurch eher gestärkt. Schließlich werde die Qualität des Geschlechtsverkehrs eines sich liebenden Paares enorm gesteigert, wenn die Angst vor einer Schwangerschaft entfalle. Dank der Planbarkeit von Beruf und Familie würden Frauen ihre Mutterrolle zudem viel bewusster übernehmen. Und jene Kinder, die dann tatsächlich gezeugt werden, seien ja Wunschkinder, die wahrscheinlich mehr geliebt werden als solche, die ungeplant entstanden sind.

Djerassi ist stolz auf seine Wandlung vom "harten" Naturwissenschaftler von einst zum "weichen", sozial engagierten Menschen. Als solcher erkennt er heute auch, dass die Pille das menschliche Leben - gerade in der Dritten Welt - nachhaltiger verbessert hat als etliche andere Errungenschaften. Immerhin ließe sich ja noch über eine andere Variante des Nobelpreises für Djerassi nachdenken. "Für den Frieden - warum nicht?"


   
Zur Person

Was es heißt, ganz von vorne anzufangen, hat CARL DJERASSI früh in seinem Leben gelernt. 1923 als Kind zweier jüdischer Ärzte in Wien geboren, verbrachte er seine Kindheit in Bulgarien und später wieder in Wien. 1938, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, emigrierte er über London in die Vereinigten Staaten. Bereits als 19-Jähriger heiratete er zum ersten Mal, mit 22 Jahren promovierte er 1945 an der Universität von Wisconsin in organischer Chemie und arbeitete anschließend bei der Pharmafirma Ciba. 1949 wechselte er als FORSCHUNGSDIREKTOR zum Chemie-Unternehmen SYNTEX in Mexico City. Dort gelang ihm am 15. Oktober 1951 die Synthese jener Substanz, die später als Wirkstoff der ersten ANTI-BABY-PILLE in die Geschichte einging. 1957 kam sie in den USA zunächst als Medikament gegen Mens-truationsbeschwerden auf den Markt. 1960 wurde sie dort als Verhütungsmittel zugelassen. Deutschland folgte 1961 mit Anovlar, der ersten "Pille" in Europa. Seither haben orale Kontrazeptiva die Welt erobert: Mehr als 60 Millionen Frauen schlucken heute die Anti-Baby-Pille.

Der Erfolg seiner frühen Jahre spornte den ambitionierten Chemiker an. Insgesamt verfasste er 1200 wissenschaftliche Publikationen und sieben Monografien. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter allein 19 Ehrendoktorwürden. Bis heute ist Djerassi PROFESSOR FÜR CHEMIE an der STANFORD UNIVERSITY. Vor zwölf Jahren entdeckte er jedoch seine neue große Leidenschaft - das Verfassen von ROMANEN (darunter "Cantors Dilemma"; "Das Bourbaki Gambit", "Menachems Same") und THEATERSTÜCKEN ("Unbefleckt", "Oxygen"), in denen er die (un-)menschlichen Seiten der Wissenschaft mit all ihren persönlichen Konflikten, Tricks und Schummeleien schildert. Eines seiner Lieblingsthemen: die Jagd ehrgeiziger Forscher nach dem Nobelpreis.
 

 



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