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Sonntag, 24. Dezember 2000
Berlin, 06:34 Uhr
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Die Liebe in den Zeiten der Genomforschung (21. 12. 2000)

Die Liebe in den Zeiten der Genomforschung

Carl Djerassi im Schauspielhaus: Der Mann, der einst die Antibabypille erfand, hält nichts von Wissenschaftsphobie

Von Belinda Grace Gardner

Gebannt verfolgt Melanie am Mikroskop ein spannendes Experiment. Wird sich die Schönheit mit dem unscheinbaren männlichen Gegenpart paaren, oder schießt der am Ziel vorbei? Szenen einer Eheanbahnung der etwas anderen Art. Es geht um "ICSI", eine neue Reproduktionsmethode, bei der im Labor ein Spermium in eine Eizelle gespritzt wird. Hat der künstliche Befruchtungsvorgang geklappt, wird das Ei anschließend in die Gebärmutter eingepflanzt.

Als den dramatischsten Moment eines Lebens bezeichnet Carl Djerassi den Augenblick, in dem Samen- und Eizelle aufeinandertreffen. In seinem jüngsten Theaterstück "Unbefleckt" macht er dieses Drama zum Thema - ein Thriller, der sich in Zukunft immer häufiger außerhalb des weiblichen Körpers abspielen könnte.

Der berühmte Chemiker und "Vater der Pille" (in seiner Autobiographie bezeichnet Djerassi sich freilich als "Mutter der Pille") war am Dienstag im Schauspielhaus zum Bühnengespräch mit Roger Willemsen angetreten. Ein trefflicher Termin, denn während Djerassi mit Willemsen über die Zukunft von Liebe, Sex und Familienplanung im Zeitalter unbegrenzter reproduktionstechnischer Möglichkeiten diskutierte, verabschiedete das britische Unterhaus ein Gesetz, das therapeutisches Klonen erlaubt.

Viele verbinden damit ein Horrorszenario. Djerassi, der 1923 in Wien geboren wurde und Professor für Chemie an der Stanford University ist, hält indes nichts von einseitigen Sichtweisen. In den fünfziger Jahren, als er an der Verhütungspille für die Frau arbeitete, herrschte noch die euphorische Auffassung, dass es für alles einen "technical fix", eine mechanische Lösung gebe. Heute habe sich das Verhältnis umgekehrt: "Viele Menschen haben eine geradezu anti-wissenschaftliche Haltung, fast schon eine Wissenschaftsphobie."

Mangel an Informationen hält Djerassi für einen Grund der allgemeinen Furcht vor den Innovationen der Wissenschaft. Als Verfasser von "Science-in-Fiction-Romanen" und Theaterstücken versucht er deshalb, Unterhaltung mit Aufklärung zu verbinden. "Ich will aus einer Terra incognita eine Terra cognita machen", sagt er. Djerassi glaubt, dass neue Technologien nur entwickelt werden, wenn die Gesellschaft diese will und möglich macht.

Nicht die Pille habe in den sechziger Jahren die sexuelle Revolution herbeigeführt, sondern andersherum: Das gesellschaftliche Klima sei der Entwicklung der Pille günstig gewesen. 2001 ist der 50. Geburtstag jener Erfindung, von der heute hundert Millionen Frauen in der ganzen Welt Gebrauch machen.

Aber nicht nur die Wissenschaft interessiert den Forscher und Schriftsteller. In der Nähe von San Francisco hat Djerassi eine Künstlerkolonie geschaffen, wo sich Maler, Bildhauer, Tänzer und Schriftsteller wochenlang aufhalten können. Ihm selbst gehörte einst eine der bedeutendsten Sammlungen von Werken des Künstlers Paul Klee, in dem er einen Seelenverwandten sieht: "Er war ein intellektueller Polygamist - genau wie ich."